Rezension zu "Executive Presence"

Rezension zu "Executive Presence"

Executive Presence  - mehr als der erste Eindruck. Als Führungskraft souverän auftreten, kommunizieren und wirken | Christian Maaß | Haufe Verlag | 2025 

Worum es geht 

Christian Maaß widmet sich in Executive Presence der Frage, warum fachliche Kompetenz allein in Führungsrollen nicht ausreicht – und wie Wirkung, Präsenz und bewusste Kommunikation darüber entscheiden, ob Menschen gehört, ernst genommen und als Führungspersönlichkeit wahrgenommen werden. 

Der Autor richtet sich C-Level-Führungskräfte. Aus meiner Sicht ist das Buch aber geeignet für alle, die ihren Auftritt nicht dem Zufall überlassen wollen: Menschen, die sich mit ihrer Wirkung auseinandersetzen möchten, strukturiertes Handwerkszeug suchen und offen sind für Inspiration anhand bekannter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. 

Aufbau und Ansatz des Autors 

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel:

  1. Executive Presence – heute wichtiger denn je
  2. Auftreten: Wie Sie Präsenz zeigen, ohne ein Wort zu sagen
  3. Kommunikation: Wie Ihre Botschaften hängen bleiben
  4. Wirkung: Wie Sie messbar mehr bewegen
  5. Feedback: Was wir aus Erfolgen und Fehlern lernen können
  6. Case Studies 

Zentrales Strukturmerkmal sind wiederkehrende Selbstchecks, Tabellen und Übersichten, mit denen Leserinnen und Leser ihren eigenen Entwicklungsstand reflektieren können. Executive Presence wird dabei als Zusammenspiel aus Auftreten, Kommunikation, Wirkung sowie Feedback und Reflexion verstanden. 

 

Zentrale Inhalte – die Perspektive des Autors 

Bereits im ersten Kapitel macht Maaß deutlich, dass Entscheidungen selten rein rational getroffen werden. Kompetenz entfaltet nur dann Wirkung, wenn sie verständlich, überzeugend und emotional anschlussfähig vermittelt wird. Er verweist darauf, dass neben der sachlichen Ebene vor allem Beziehung, Körpersprache sowie Mimik und Gestik darüber entscheiden, wie Botschaften aufgenommen werden. 

Ein weiterer Schwerpunkt ist das Zusammenspiel von digitaler und analoger Präsenz: Online-Sichtbarkeit erzeugt Aufmerksamkeit, nachhaltige Beziehungen entstehen jedoch im persönlichen Kontakt. Die digitale Präsenz müsse daher offline eingelöst und bestätigt werden. 

Im Kapitel zum Auftreten betont Maaß die enorme Bedeutung des ersten Eindrucks, der sich innerhalb von Millisekunden bildet. Anhand prominenter Beispiele – etwa Barack Obama – zeigt er, wie Körpersprache, Blickkontakt und Kleidung Präsenz erzeugen können. Gleichzeitig räumt er Vorurteilen und Verzerrungen bewusst Raum ein und thematisiert deren Einfluss auf Wahrnehmung. 

Das Kommunikationskapitel stellt das Zuhören als zentrale Führungsfähigkeit heraus, analysiert unterschiedliche Gesprächssituationen und zeigt, wie Botschaften durch klare Kernaussagen („Refrains“) im Gedächtnis bleiben. Ergänzt wird dies durch das „ABC der nonverbalen Kommunikation“ (Atmung, Blickkontakt, bewusste Körpersprache) sowie durch die bewusste Entscheidung zwischen zahlenbasierter Argumentation und emotionalem Storytelling. Die Kernaussage des Autors lautet hier: Zahlen schaffen Vertrauen, Geschichten schaffen Verbindung. 

Im Kapitel Wirkung verknüpft Maaß Präsenz mit messbarem Business Impact. Er thematisiert die Verantwortung von Führungskräften, echte Ergebnisse zu erzielen, und stellt strukturierte Steuerungsinstrumente sowie Positionierungsmodelle vor. Aufmerksamkeit wird als eigene Führungskompetenz verstanden – verbunden mit Präsenz im Moment, echtem Zuhören und mentaler Klarheit. 

Das fünfte Kapitel widmet sich dem Thema Feedback. Maaß plädiert für einen systematischen Umgang mit Rückmeldungen, für Selbstreflexion als kontinuierlichen Entwicklungsprozess und für den bewussten Einsatz neuer Möglichkeiten wie KI-gestütztem Feedback. Klassische Modelle wie das Johari-Fenster werden dabei ebenso aufgegriffen wie neuere technologische Ansätze. 

Abgeschlossen wird das Buch durch Case Studies, in denen der Autor seine Konzepte anhand konkreter Erfolgsgeschichten illustriert. 

 

Meine Einordnung und kritische Perspektive 

Besonders überzeugend finde ich den konsequenten Praxisbezug des Buches. Die Selbstchecks, Tabellen und Reflexionsfragen bieten eine klare Orientierung und kommen einer analytischen Denkweise sehr entgegen. Executive Presence wird dadurch nicht mystifiziert, sondern als erlernbares Zusammenspiel verschiedener Kompetenzen greifbar gemacht. 

Gerade die Betonung des Zuhörens halte ich für ausgesprochen relevant. Aus meiner beruflichen Erfahrung – insbesondere im Kontext von Führungskräften, die neu in Organisationen kommen – ist dies eine häufig unterschätzte Kompetenz. Der Impuls, zunächst wahrzunehmen und zu verstehen, bevor Veränderungen angestoßen werden, ist fachlich wie praktisch äußerst wertvoll. 

Ambivalent stehe ich dem Bild des „Schauspielens“ gegenüber, das im Zusammenhang mit nonverbaler Kommunikation verwendet wird. Auch wenn ich verstehe, dass es um bewusste Gestaltung und nicht um Verstellung geht, bleibt für mich die Frage nach Authentizität präsent – insbesondere vor dem Hintergrund, wie schnell erste Eindrücke entstehen und wie fehleranfällig sie sind. 

Kritisch sehe ich zudem den Einsatz von KI als Feedbackgeber. Der Ansatz ist nachvollziehbar und in vielen Kontexten hilfreich, gleichzeitig bleibt ein ungutes Gefühl hinsichtlich des Umgangs mit persönlichen Daten und der Frage, wie reflektiert solche Rückmeldungen tatsächlich genutzt werden. 

Deutlich problematisch empfinde ich die Auswahl der Case Studies. Diese sind nahezu ausschließlich männlich geprägt und umfassen auch Persönlichkeiten wie Elon Musk, deren Führungsstil und öffentliche Wirkung hochgradig kontrovers diskutiert werden. Für Leserinnen – insbesondere Frauen in Führung – entsteht dadurch unterschwellig der Eindruck, Executive Presence sei vor allem an männliche, oft machtorientierte Biografien gekoppelt. 

Für eine zeitgemäße Leadership-Debatte halte ich das für zu einseitig. Es fehlen Vorbilder, die kooperative, fürsorgliche oder diversitätssensible Führungsstile verkörpern und zeigen, dass Wirkung nicht zwangsläufig über Dominanz, Lautstärke oder Provokation entsteht. Mehr weibliche und vielfältige Rollenmodelle hätten nicht nur die Identifikation erleichtert, sondern auch unterstrichen, dass Executive Presence auf sehr unterschiedliche Weise gelebt werden kann. 

 

Fazit 

Executive Presence bietet deutlich mehr, als der Titel zunächst vermuten lässt. Das Buch ist ein strukturierter, praxisnaher Impuls zur Professionalisierung des eigenen beruflichen Selbst und eignet sich besonders für Leserinnen und Leser, die Orientierung, Systematik und konkrete Anleitungen schätzen. 

Die größte Stärke liegt in der klaren Struktur, den Selbstchecks und der Verbindung von Theorie mit anschaulichen Beispielen. Die Herausforderung bleibt – wie der Autor selbst implizit zeigt – die situative Anwendung der Inhalte im komplexen Führungsalltag. 

Mit einer vielfältigeren Auswahl an Vorbildern hätte das Buch zusätzlich an Tiefe und zeitgemäßer Relevanz gewonnen. Als Arbeits- und Reflexionsbuch für die eigene Wirkung in Führungskontexten ist es dennoch ein fundierter und anregender Beitrag. 

Katharina Nolden, QUBIC Beratung und Coaching GmbH & Co.KG

 

Zurück zum Blog